Heinz Kraft

Der posttraumatischen Belastungsreaktion schon früh vorbeugen

Betreuung von Helfern nach psychisch belastenden

Einsätzen

In „Technisches Hilfswerk“, Heft 1/2000,  wird unter anderem über die Hilfseinsätze

des THW beim Zugunglück von Brühl (S. 14 ff.) und beim Massenunfall auf der A 7

(S. 18) berichtet. Neben der technischen und logistischen Hilfe wird  - und das ist

aus meiner Sicht besonders hervorhebenswert – das Thema „Betreuung“

angesprochen, zum einen die Betreuung / Nachbetreuung  von Einsatzkräften

(Zugunglück Brühl) und auch die Betreuung von Unfallopfern (Unfall auf der A 7).

In seinem Beitrag in „Polizeinachrichten“, Heft 1/2000, S. 11 f.., schildert Jochen

Fischer das Schicksal  eines Polizeibeamten, bei dem sich deutlich die Merkmale

einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD, post-traumatic stress disorder)

erkennen lassen. Er stellt fest, dass nach dem belastenden Erlebnis eine Phase der

Verarbeitung wahrscheinlich dazu geführt hätte, dass das psychische System des

Polizeibeamten wieder "in Ordnung gekommen" wäre.

 

Hieraus folgt, dass die Betreuung von Einsatzkräften Standard werden muss: im

unmittelbaren Anschluss an einen psychisch belastenden Einsatz kann mit

Psychischer Erster Hilfe sehr viel bewirkt werden.

Posttraumatische Belastungsreaktion – auch in Deutschland als

Krankheit anerkannt

Inzwischen ist anerkannt, hierzulande leider erst seit der Flugkatastrophe in Ramstein, dass

belastende Erlebnisse zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen können. Auch an

Einsatzkräften, nicht nur an Unglücksbeteiligten, gehen die Eindrücke verstümmelter  Leichen,

verunglückter Kinder und eingeklemmter Menschen nicht spurlos vorüber: Diese Bilder

hinterlassen Spuren in der Psyche.

 

Bei vielen Helfern, wie Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern, Polizeibeamten und sonstigen

Helfern,  zeigen sich im Laufe der Jahre mehr oder weniger ausgeprägt psychische

Auffälligkeiten, die sich zunehmend auch als körperliche Beschwerden äußern. Bei manchen,

insbesondere bei Helfern ohne Betreuung, stellt sich auch das Vollbild der Posttraumatischen

Belastungsreaktion ein.

 

Auch Helfer brauchen Hilfe

Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, allen Helfern von Rettungsdiensten (Feuerwehr,

Rettungssanitäter, THW-Helfer) und Polizei nach psychisch belastenden Einsätzen Betreuung

anzubieten. Das wird – bei der Polizei und beim THW wie bei anderen Hilfs- und

Rettungsorganisationen - zunehmend praktiziert (vgl. auch die Hinweise auf das

Betreuungskonzept nach dem Zugunglück in Eschede), aber leider noch immer nicht

durchgängig. Um so begrüssenswerter ist es, dass in den Einsatzberichten in „THW“ auch

dieser Aspekt angesprochen wird: Gutes Beispiel soll auch Schule machen.

 

Ablehnung von Hilfe

Vielfach wird aber angebotene Hilfe noch abgelehnt. Die Ursachen für diese Zurückhaltung

können vielfältig sein, lassen sich aber weitgehend auf zwei Hauptkriterien zurückführen:

 

Zum einen haben die Führungskräfte selbst Informationsdefizite über PTSD (post traumatic

stress disorder = posttraumatische Belastungsreaktion) und sehen die Bedeutung dieser

Krankheit nicht in vollem Umfang oder tun sie eher als Schwäche der Mitarbeiter ab und

belegen sie mit einem Tabu.

 

Aber auch die Einsatzkräfte leugnen ihre psychischen Belastungen  und wehren sich dagegen,

von Fachleuten betreut zu werden. Markus Heinrichs, Forschungszentrum für Psychobiologie

und Psychosomatik der Universität Trier: „Viele haben Angst, als unprofessionell dazustehen."

Dabei ist es nach Meinung des Psychologen besonders wichtig, unmittelbar nach einem

traumatisierenden Ereignis Hilfe zu erhalten .

 

Sinneswandel

Viele Führungskräfte haben inzwischen die Notwendigkeit weitergehender Maßnahmen

erkannt und veranlassen nach belastenden Einsätzen professionelle Betreuung.

 

Einstimmung im Vorfeld

Aber auch den Einsatzkräften ist schon im Vorfeld von Einsätzen zu verdeutlichen, dass es

nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern Beweis echter Professionalität ist, bei Bedarf

psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist dann eine Frage der Organisationskultur,

dass Belastungen als normal anerkannt werden und Hilfe einerseits angeboten, andererseits

angenommen wird. Dies ist nach unserer Einschätzung ein Thema für die Fortbildung sowohl

der Einsatzkräfte als auch ihrer Führungskräfte.

 

Besonders wichtig sind die Erstmaßnahmen

In diesem Zusammenhang möchte ich den Blick auf die Möglichkeit der „Psychischen Ersten

Hilfe“, sozusagen als „Erste Hilfe für die Seele“, lenken.

 

Psychische Erste Hilfe

Der Begriff der (medizinischen) Ersten Hilfe ist in seiner Bedeutung allgemein bekannt und

umfasst nach neuerem Verständnis alle Maßnahmen, die bei einem Verletzten oder

Erkrankten zur Stabilisierung oder Erhaltung der notwendigen  Körperfunktionen getroffen

werden und ein Überleben bis zum Eintreffen professioneller Helfer (Notärzte,

Rettungssanitäter) sichern sollen. Erste Hilfe ist also, nach seinem Wortsinn, allererste Hilfe

nach einen Unfall pp. zur Lebensrettung.

 

Nichts anderes ist „Psychische Erste Hilfe“. Damit werden Maßnahmen beschrieben, die

sofort nach dem psychisch belastenden Ereignis die Psyche eines Menschen stabilisieren.

Weniger prosaisch ließe sich auch formulieren: „Erste Hilfe für die verletzte Seele“.

 

Der Begriff „Psychische Erste Hilfe“ wurde, soweit ersichtlich, von Prof. Dr. Bernhard Gasch

und Prof. Dr. Frank Lasogga, Universität Dortmund, mit der Vorstellung ihrer

wissenschaftlichen Untersuchungen in die deutsche Sprache eingeführt. Sie haben in ihrer

Studie eindrucksvoll belegt, dass Verletzte oft nicht in erster Linie fachliche Hilfe ( =

medizinische Behandlung) wünschen, sondern  menschliche Anteilnahme, Zuwendung und

Verständnis benötigen, also das, was modern mit „Sozialer Kompetenz“ bezeichnet wird.

 

„Menschen bestehen nicht nur aus Haut und Knochen, sondern haben auch eine Seele.“

 

Die Psychologen haben ihre Ergebnisse als Handlungsvorschlag in den „4 S“ für Laienhelfer

zusammengefasst. Parallel haben sie auch für professionelle Helfer ein 12-Punkte-Konzept

entwickelt .

 

Dabei gilt der Grundsatz „Tu was und tu es schnell“

 

Die Grundsätze der Psychischen Ersten Hilfe für Verletzte lassen sich in ihren Grundgedanken

auch auf Psychische Erste Hilfe für Helfer nach belastenden Einsätzen übertragen. Und nicht

nur das: Die kommunikativen Grundregeln der Psychischen Ersten Hilfe  lassen sich auf jede

Situation übertragen, die ein Mensch als belastend empfindet / empfunden hat und in der er

Zuwendung, Anteilnahme, Zuspruch und Verständnis benötigt.

 

Natürlich werden die Erlebnisse von den Menschen unterschiedlich verarbeitet: Was der eine

noch (u.U. unbewusst) als erlebnisreiche Herausforderung bewertet, erlebt der andere schon

schockierend oder schwer belastend. Das Erleben und die Reaktionen sind also individuell

unterschiedlich.

 

Das Gebot der ersten Stunde lautet: „Sachgerechte Kommunikation“

In der allerersten Phase ist sachgerechte Kommunikation das Gebot der Stunde. Wenn sich

dabei herausstellt, dass das Erlebte schwerer wiegt und in einem oder mehreren Gesprächen

nicht ausreichend be- und verarbeitet werden kann, ist auf jeden Fall professionelle Hilfe zu

vermitteln.

 

Zunächst aber gilt: Führungskräfte (oder deren Beauftragte) müssen  bei Bedarf "Psychische

Erste Hilfe"  sofort leisten (oder sofort veranlassen) können, und es gilt noch mehr: Dass sie

sich ihrer Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewusst sein müssen. Bei

Krankheiten und äußeren Verletzungen ist das seit jeher unbestritten und kein Problem, aber

für seelische Verletzungen fehlt noch oftmals das Problembewusstsein.

 

Als kommunikative Basiskompetenzen sind in diesem Zusammenhang als hilfreich

hervorzuheben

 

Aktives Zuhören (nach T. Gordon),

Fragen,

Akzeptieren von Schweigen ("Pausen ertragen"),

Verzicht auf "gutgemeinte Ratschläge",

Zeigen nonverbaler Elemente der Zuwendung und des Verstehens, wie Blickkontakt,

offene Körperhaltung, zustimmendes Nicken.

 

Dies stellt, wenn das Gespräch nicht aufgesetzt wirken soll, hohe Anforderungen an den

Gesprächspartner, denn Kommunikation darf nicht als Methode oder bloße Technik

eingesetzt werden, sondern muss der inneren Haltung entsprechen.

 

Fortbildungskonzept „Psychische Erste Hilfe“

Wir haben in unseren Kommunikationstrainings immer wieder erfahren, dass die Teilnehmer

zwar die Kommunikationsmodelle und –methoden kennen und meist auch schlüssig erklären

können, dass es aber an der Anwendungssicherheit  mangelt.

 

Die erwähnten kommunikativen Basisfertigkeiten lassen sich nur ausnahmsweise durch Lesen

erwerben; vielmehr heißt es hier: „Trainieren... trainieren... trainieren...“.  Gemeint ist damit

nicht nur das Trainieren der Gesprächstechnik oder –methode, sondern unerlässlich ist auch

das Üben in den jeweiligen Rollen, vornehmlich in den Helferrollen. „Situatives Training“

oder „Training in der Situation“  heißt hierzu das „Zauberwort“.

 

Es bietet sich an, unter dem Oberthema „Besondere Gesprächssituationen“ die Themen

 

„Erste Hilfe für die Seele“ („Psychische Erste Hilfe“) und

„Mitarbeiterbegleitung nach belastenden Einsätzen“

 

in die Fortbildung von Hilfsorganisationen aufzunehmen. Zielgruppe sind für die

„Mitarbeiterbegleitung...“ in erster Linie Führungskräfte, für „Psychische Erste Hilfe“ allgemein

jeder Mitarbeiter in der Polizei und im Feuerwehr- und Rettungsdienst, im THW, ...

 

Je mehr Helfer in Psychischer Erster Hilfe ausgebildet sind, desto größer ist der Pool an

Mitarbeitern, die auch für anspruchsvolle kommunikative Aufgaben eingesetzt werden

können, sei es für die psycho-soziale Erstbetreuung von Verletzten, sei es für die Betreuung

von Angehörigen Verunglückter, sei es für die kommunikative Begleitung von Helfern aus den

eigenen Reihen.

 

Das Beispiel des Massenunfalls auf der A 7   beweist, dass das Einsatzspektrum

beispielsweise für Helfer des THW sehr weit gefasst ist und nicht nur auf technische Hilfe

beschränkt ist, sondern auch Betreuungsaufgaben umfassen kann. Das gilt entsprechend für

andere Hilfs- und Rettungsorganisationen. Zudem kann jeder Helfer während eines Einsatzes

in die Situation kommen, ad hoc zumindest vorübergehend psychische Erste Hilfe leisten

zu

müssen, wenn  sich ein verstörter Verunglückter an ihn wendet.

 

Das Konzept

Wir haben mit unseren Konzepten für Fortbildungsveranstaltungen mit dem Leitthema

„Besondere Gesprächssituationen“ gute Rückmeldungen erhalten. Schwerpunkte des

Programms sind - unter weitgehendem Verzicht auf Lehrvorträge -  Trainings unter

Einbeziehung der Erfahrungen der Teilnehmer/-innen. In Arbeitsgruppen und gelenkten

Moderationen werden die Grundlagen erarbeitet und dann in Simulationsübungen

(„Rollenübungen“) erprobt – so lässt sich die Wirkung des jeweiligen Verhaltens sofort

feststellen, das Verhalten bei Bedarf korrigieren und als Erfahrung für künftige

Verhaltensmuster  nutzen.

 

Auf Wunsch haben wir auch schon Multiplikatoren ausgebildet (und in die methodischen und

didaktischen Hintergründe der einzelnen Modelle und Übungen eingeführt), die jetzt ihrerseits

in der Fortbildung ihrer Behörde die „Endanwender“ schulen.

                www.heinz-kraft.de

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