USTICA ITALIEN



Ein Luftkampf mitten im Frieden

Ein neues Gutachten legt nahe, daß ein italienisches Verkehrsflugzeug mit 81 Menschen an Bord,
das 1980 über dem Mittelmeer abstürzte, von der Rakete eines Nato-Jägers getroffen wurde.
Französische und US-Jets hatten Jagd auf libysche MiGs gemacht. Die Militärs verschleiern bis
heute die Wahrheit 
Den Flug 870 Bologna - Palermo mochte Alberto Bonfietti auf keinen Fall verpassen. An jenem
Abend des 27. Juni 1980 wollte der 37jährige Journalist zu seiner Frau Giannina und Tochter
Silvia, die seit zwei Wochen Urlaub auf Sizilien machten. Arbeit und eine Grippe hatten Alberto
aufgehalten, aber zu Silvias siebtem Geburtstag wollte er unbedingt dabei sein.
Wegen schwerer Gewitter hat die DC-9 der Alitalia-Tochter Itavia mit 77 Passagieren und vier
Besatzungsmitgliedern fast zwei Stunden Verspätung, als Flugkapitän Domenico Gatti um 20.08
Uhr die Starterlaubnis erhält. Die Maschine geht auf Kurs, der über Florenz, Siena und die Insel
Ponza Richtung Palermo führt. Die Flugbedingungen sind gut, leichter Wind, klare Sicht.
Über Ponza bittet der Pilot die Fluglotsen im Radarzentrum Rom-Ciampino, für den Anflug auf
Sizilien die Flughöhe von 10 000 Meter verlassen zu dürfen. Minuten später hat Gatti die DC-9
auf 7500 Meter, als die Lotsen über Funk ein erschrecktes "Guar...", ein halbes "Guarda!" -
"Schau doch!" - hören. Um 20.59 Uhr reißt der Funkkontakt ab, die DC-9 verschwindet von den
Radarschirmen. Unweit der Insel Ustica, 120 Seemeilen nördlich Siziliens, wo das Tyrrhenische
Meer über 3500 Meter tief ist, stürzt die Maschine ins Meer. Die Rettungsmannschaften bergen
im Morgengrauen nur Tote aus den Wellen.
Am Flughafen in Bologna sagten sie uns in jener Nacht, die Maschine sei vermißt", erinnert
sich Daria Bonfietti, Albertos zwei Jahre jüngere Schwester: "Mit diesem Satz begannen die
Lügen, die uns bis heute beschäftigen." Daria gründete 1988 die "Vereinigung der Angehörigen
der Opfer von Ustica". Ihr hartnäckiges Bohren bei Behörden, Militärs und Ermittlern hat
entscheidend dazu beigetragen, daß nach 17 Jahren endlich Licht in eine der dunkelsten
Nachkriegsaffären Italiens kommt. Denn nach Bekanntwerden eines neuen Gutachtens
vergangene Woche gilt als immer wahrscheinlicher, daß die DC-9 in einen Luftkampf zwischen
amerikanischen, französischen und italienischen Jagdflugzeugen und mindestens einem
libyschen Kampfjet geriet und dabei versehentlich von einer Rakete getroffen wurde - 81 Tote.
Der römische Untersuchungsrichter Rosario Priore, seit 1991 mit dem "Fall Ustica" befaßt,
arbeitet gegen ein gigantisches Verschleierungsmanöver an. Er hat inzwischen 80
Ermittlungsverfahren gegen zum Teil hochrangige Militärs - darunter neun Generäle -
eingeleitet. Die Vorwürfe: Falschaussage, Amtsmißbrauch und Hochverrat. Über 100 Zivilisten
und Militärs wurden vernommen, an die 50 internationale Ermittlungsgesuche eingereicht, um
neben der eigenen Regierung auch Washington, Paris und die Nato-Zentrale in Brüssel zur
Mitarbeit zu drängen. Während die USA und Frankreich nach wie vor mauern, gibt sich die Nato
kooperativer, seit Rom endlich entschieden Aufklärung fordert.
Jetzt erhielt Priore den 800 Seiten starken Bericht dreier Radarexperten, die mit Hilfe bisher
geheimgehaltener Radarbilder und Codes aus dem Nato-Hauptquartier die Daten jener Nacht
zu einem atemberaubenden Simulations-Puzzle zusammengefügt haben. Mit einem einzigen,
aber entscheidenden Manko: Zwar konnten die Flugbewegungen entschlüsselt werden, nicht
aber Identität und Nationalität der beteiligten Kampfjets.
Nach dieser Rekonstruktion waren in jener Nacht rund um die DC-9 mindestens sieben
Militärjets im Einsatz. Schon kurz nach dem Start der DC-9 schoben sich ein oder zwei auf 1500
Meter Nähe in den Radarschatten der Maschine - vermutlich libysche MiG-23, denen Italien
damals mitunter heimlich Zwischenlandungen zum Tanken gewährte, wenn sie nach ihrer
Wartung in Jugoslawien heimflogen. Klammheimlich bildete Italien sogar libysche Kampfpiloten
aus.
Vom Luftwaffenstützpunkt Grosseto steigen drei italienische Abfangjäger des Typs Starfighter
F-104 auf, einer von ihnen gibt kurz darauf über die Radarstation Poggio Ballone Alarm: Die
beiden Piloten, Ivo Nutarelli und Mario Naldini, haben vermutlich die Libyer im Radarschatten
der Zivilmaschine entdeckt. Kurz darauf drehen die Jets ab und kehren zum Stützpunkt zurück.
Über ihre Beobachtungen und ihren Auftrag an jenem Abend hätten die Piloten im September
1988 vor den Untersuchungsrichtern aussagen sollen. Doch beide sterben wenige Wochen
zuvor. Bei einer Flugschau auf der US Air Base Ramstein in der Pfalz krachen am 28. August
1988 ihre Jets zusammen und reißen 68 Zuschauer mit in den Tod.
Sicher ist, daß die DC-9 auf der Höhe von Ponza neue Gesellschaft bekommt: Mindestens zwei
Militärjets ziehen aus Richtung Korsika heran, französische Mirage 2000 von ihrem Stützpunkt
Solenzara, wie italienische Journalisten glauben. Zwei Jäger kommen aus Richtung des
süditalienischen Festlands auf die Itavia-Maschine zu, zwei weitere steigen unvermittelt aus
dem Meer unweit Sardiniens auf. Wie die Nato vergangene Woche erstmals bestätigte, hielt
sich zu diesem Zeitpunkt ein Flugzeugträger ungenannter Nationalität im Gebiet um die
Absturzstelle auf. Die Ermittler tippen auf die französische "Clemenceau" oder die
amerikanische "Saratoga" - beide kreuzten in der Nähe. Doch Paris und Washington streiten
jede Verwicklung in den Vorfall ab: Alle Jets seien an jenem Abend am Boden gewesen, die
Flugzeugträger in Häfen.
Gegen 20.59 Uhr sind sämtliche Radarspuren rund um die DC-9 zu erkennen - dann verlischt
das Radarzeichen der Linienmaschine: Getroffen von einer Rakete, die, so frühere Gutachten,
rund 20 Meter rechts vom Cockpit explodierte, möglicherweise nach einer Notzündung durch
den Piloten eines Kampfjets.
Unklar ist bis heute, wer damals geschossen hat und vor allem: warum? Seit Jahren wird in den
italienischen Medien spekuliert, daß ein amerikanischer oder französischer Jäger zwei Raketen
abfeuerte, von denen nur eine die libysche MiG, die andere aber die Zivilmaschine erwischte.
Notizen, die diesen Tathergang untermauern, fand Priore 1996 bei einer Hausdurchsuchung bei
dem pensionierten General Demetrio Cogliandro, zur Tatzeit Chef der Gegenspionage beim
Militärgeheimdienst Sismi. Unweit des DC-9-Wracks wurde außerdem der Zusatztank einer
amerikanischen "Corsair" aus dem Meer geborgen. Die "Corsair" wird überwiegend von
Flugzeugträgern aus eingesetzt. Und Zusatztanks, wissen Militärexperten, werfen die Piloten
nur bei Havarie oder Kampfeinsätzen ab.
Die neue Radar-Analyse bestätigt jetzt auch das Schicksal einer der libyschen MiG-23: Sie
verschwand kurz nach dem Absturz der DC-9 über dem süditalienischen Festland. Am 18. Juli
1980 entdeckt ein Schäfer eine zerschellte MiG-23 in den unwegsamen Höhen des
Sila-Gebirges. Obwohl die Leiche des Piloten stark verwest ist, wird das Todesdatum später
handschriftlich auf die Zeit um den Fundtag geändert. Die italienischen Militärs beteuern
jahrelang, der Absturz der MiG habe mit dem Fall Ustica nichts zu tun.
"Das neue Radargutachten hat für uns fundamentale Bedeutung", sagt Daria Bonfietti, die den
Fall Ustica inzwischen auch als Senatorin und Mitglied der parlamentarischen "Kommision zur
Aufklärung von Attentaten" verfolgt: "Damit ist das Lügengebilde der Militärs und Geheimdienste
endgültig zusammengebrochen." Die hatten noch vor drei Jahren behauptet, die DC-9 sei
wegen Materialschadens abgestürzt oder Opfer eines Terroranschlags geworden. Den
Untersuchungsrichter Priore und seine Vorgänger hatten die Militärs mit unleserlichen oder
manipulierten Radaraufzeichnungen abgespeist. In Marsala, der dem Absturzort
nächstgelegenen Station, hatte man die entscheidenden Minuten einfach gelöscht.
Wichtige Zeugen wollten jahrelang nicht reden - oder konnten es nicht mehr: Mindestens zwölf
Tote werden mit dem Fall Ustica in Verbindung gebracht. Neben den in Ramstein abgestürzten
Piloten war da etwa der stellvertretende Kommandant der toskanischen Radarstation Poggio
Ballone, Maurizio Gari, und sein Untergebener, Fluglotse Alberto Dettori. Gari stirbt am 9. Mai
1981 mit 32 Jahren plötzlich an einem Herzinfarkt. Dettori, der in der Absturznacht Dienst hatte,
wird am 30. März 1987 an einem Baum erhängt aufgefunden. Man sei an jenem Abend "nur
ganz knapp an einem Krieg vorbeigeschrammt", soll er einem Kollegen sichtlich mitgenommen
am Morgen nach dem Absturz erzählt haben.
Über die Hintergründe des Luftkampf-Thrillers kursieren auch nach 17 Jahren zahllose
Theorien, handfeste Hinweise sind eher spärlich. Die USA und Frankreich hatten den libyschen
"Revolutionsführer" Moammar Gadhafi zu jener Zeit zum Feind Nummer eins im Mittelmeerraum
erklärt, während Italien mit dem Diktator dicke Geschäfte machte: 1976 hatte Gadhafi zehn
Prozent der Fiat-Aktien aufgekauft und investierte ordentlich. Italien revanchierte sich mit der
Lieferung von Kampfflugzeugen und Ausbildern. Gegenüber den Nato-Alliierten gerieten die
Italiener dabei zunehmend in Konflikt. Frankreich unterstützte damals die Regierung des
Tschad gegen Gadhafi. Washington plante mit Ägypten gemeinsame Luftmanöver gegen
Libyen und lieferte Kampfjets nach Kairo.
Italienische Journalisten halten es für möglich, daß die Alliierten an jenem 27. Juni 1980 ein
Attentat auf Gadhafi planten und die verspätete DC-9 unerwartet zwischen die Fronten geriet.
Eine Vermutung, die sich vor allem auf die Aussagen der Fluglotsen des Radarstützpunkts
Marsala stützt. Auf ihren Monitoren tauchte an jenem 27. Juni auch eine libysche
Passagiermaschine auf, die der DC-9 entgegenkam. Vor der sizilianischen Küste änderte sie
abrupt den Kurs und landete auf Malta.
Feldwebel Salvatore Loi gab zu Protokoll, bereits einen Tag vor dem Unglück sei seiner
Radarstation der Sonderflug einer libyschen Zivilmaschine von Tripolis nach Warschau
angekündigt worden - für den Abend des 27. Juni. An Bord befinde sich "eine hochrangige
Person". Gadhafi ließ die Welt damals sofort wissen, er habe in der Maschine gesessen, der
Angriff der Nato-Jäger habe allein ihm gegolten.

DANIELA HORVATH

 

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